Leipzig 1983 – 1988

.


Aufbegehren – Malerei als Lebensgefühl

Die offizielle Kunst der DDR der 80er Jahre war im wesentlichen geprägt durch das Dogma des Sozialistischen Realismus, einer routinierten figürlichen Malerei, deren Aufgabe darin bestand, die ideologische Sicht des Staates auf die Gesellschaft zu stützen und zu illustrieren.

Linde Hartmanns Malerei aber will etwas anderes. Ihre Antwort auf Zwang und Stagnation ist eine Kunst, die sich an den Verhältnissen reibt, die aufbegehrend, lustvoll und impulsiv gegen die Enge anarbeitet. In ihren Arbeiten verletzt sie bewusst und offensiv die erlernten Regeln, drängt mit kraftvoller Geste gegen die Grenze ihrer Existenz und über die Grenzen des Formates hinaus.
So spiegelt die Dynamik und spannungsvolle Komplexität der Bilder von Linde Hartmann beispielhaft ein Zeitgefühl in der DDR der 80er Jahre, einer gesellschaftlichen Stimmung im Spannungsfeld zwischen dem Machtanspruch einer verknöcherten Kaste von Politfunktionären und dem Ruf nach Öffnung, Demokratisierung, nach „Glasnost“.

Folgerichtig lautet der Titel eines der ersten Bilder, in dem Linde Hartmann den Bruch mit dem von der Leipziger Hochschule vorgegebenem Malstil offenbart „Fürchte dich nicht“. Was nun folgt, ist kein vorsichtiges Suchen, sondern der direkte, aus dem körperlichen übersetzte Ausdruck eines kraftvollen Aufbegehrens. Die Malerei wird zum direktesten, fesselnden Abbild eines Kampfes und eines Umbruchs, das auch heute noch den Betrachter in seinen Bann zieht.

Wer die Gesamtheit der Arbeiten von Linde Hartmann einordnen und in einer kunsthistorischen Schublade unterbringen will, hat es nicht leicht. Bei der Betrachtung tut sich ein breites Spektrum von unterschiedlichen malerischen und künstlerischen Herangehensweisen auf. Die erste Einsicht ist: hier ist der Wandel das Verbindende. Linde Hartmann sperrt sich offenbar dagegen, einmalige Lösungen zu wiederholen und so eine normierte Formensprache im Sinne einer Marke aufzubauen.

Ein übergreifendes Element ist ein die Bildgrenzen sprengender malerischer Duktus, der stark von einem spannungsgeladenen zeichnerischen Herangehen geprägt ist.
Bei näherer Betrachtung erschließt sich dann im Koordinatensystem von malerischen Arbeiten, Zeichnungen und Collagen die allen Arbeiten zugrunde liegende Motivation, einem zeitgebundenem Lebensgefühl Ausdruck geben zu wollen. Unter einer Oberfläche der intensiven und meist expressiven Auseinandersetzung mit Farbe und Form finden sich eingeschrieben Emotionen, Widersprüchlichkeiten und Konfigurationen, die den Betrachter zu immer wieder neuen Deutungen des Werkes herausfordern.

Ansgar van Zeul, 2002


>> Bilder 1983 – 1988